Entschuldigung, ich greife hier gerade nach den Sternen?!?!

Wenn ich mit der European Space Agency telefoniere, kann ich mich nicht mit so weltlichen Sachen wie Stromzählern in meinem ohnehin solarbetriebenen Haus befassen. Die Erde rotiert um die Sonne und nicht andersrum. Aus dem Leben einer internationalen Journalistin.
Sonnenschein ohne Stromzähler
Ich bin umgezogen. Mein neues Heim hat jetzt ein eigenes Arbeitszimmer.
Wie cool ist das bitte?
Tür zu – da mach ich übrigens noch n geiles Schild drauf,irgendwas mit Impresaria oder sowas wildes – und dann tauche ich ab in meine ultimativen Kreationen.
So weit ist das gut angelaufen. Seit nicht einmal drei Tagen sitze ich hier und es läuft wie am Schnürchen. Ich habe gut zu tun. Ich bin angekommen in meiner Schaffenskraft.
Wenn, ja, wenn da nicht der Stromzähler wäre, den sie noch einbauen müssen.
Was weiß denn ich, Stromzähler, pipapo. Das ist ein Solarhaus, die Sonne scheint ordentlich.
Der Strom fließt genau wie meine Kreationen
Es dürfen mich mal bitte alle in Frieden lassen, während ich hier kreiere.
Heute war so ein ganz voller Tag. Videokonferenzen am laufenden Band. Insgesamt drei Termine. Ich mag das. Das sind schöne Termine, inspirierend, erfrischend. Ich bin in meinem Element.
Anruf von der Elektrofirma gleich am Morgen:
„Wir müssen heute unbedingt den Stromzähler einbauen. Sind Sie da?“
„Ja, ich bin da, aber ich bin in Meetings. Ich kriege das irgendwie hin, aber auf keinen Fall zwischen 11.30 Uhr und 12.30 Uhr.“
Elektrofirma-Mensch nuschelt was:
“..11.30 bis 12.30 Uhr…“ höre ich nur.
„Hören Sie“, sage ich, „auf gar keinen Fall zwischen 11.30 Uhr und 12.30 Uhr.“
„Gut, wir kommen dann.“
Er legt auf.
Ich orgele weiter auf der Tastatur, recherchiere und lerne ganz viel.
Die European Space Agency möchte mich kennenlernen.
Wie aufregend ist das bitte? Das wäre mein Traum.
Ich bereite mich also weiterhin gut vor auf meinen Termin um 11.30 Uhr und bin hochmotiviert. Gegen 11.25 Uhr stehe ich noch einmal auf, strecke mich und trete auf die Terrasse, um frische Luft zu holen. Danach setze ich mich wieder, rufe den Meeting-Link auf, damit alles sicher und gut vorbereitet ist. 11.28 Uhr.
Ich bin top in Form, olé, ready for take off.
Da klingelt es an der Haustür.
„Hallo, ich wollte den Stromzähler installieren“, vor mir steht ein dienstbeflissener Handwerker mit Werkzeug und Tatkraft.
Nervös wie ich bin, runzele ich die Stirn und flippe aus.
„Waas? Ich habe doch extra gesagt, nicht zwischen 11.30 Uhr und 12.30 Uhr??? Ich habe gleich ein Telefonat mit der European Space Agency."
Wütend starre ich ihn an und höre mich dann sagen:
„Ich kann Sie in den Kontrollraum lassen, aber ich muss an den Rechner. Ich kann hier jetzt absolut nichts für Sie tun.“
„Äh, ich muss den Strom abstellen.“
„Auf gar keinen Fall!“, schreie ich fast hysterisch undknalle die Tür zu.
Eine Minute später beginnt der Call. Ich gebe mein Bestes, auf Englisch, internationale Kooperation, High-Tech, Meisterklasse des Journalismus. Genau. Mein. Ding.
Der Stromzähler ist vergessen
Wenn das All ruft, kann ich mich nicht mit so weltlichen Sachen wie Stromabrechnungen in meinem ohnehin solarbetriebenen Haus befassen.Die Erde rotiert um die Sonne und nicht andersrum.
Mit der ESA war es hübsch, aber unverbindlich. Noch kein Raketenstart, aber Countdown-Stimmung
Der Tag schreitet voran. Es warten noch zwei weitere Meetings mit anderen Partnerinnen.
Ich bin happy. Ich bin im Flow. Ich strahle wie die Sonne selbst. Ich bin gefragt.
Im dritten Meeting des Tages – ich halte gerade einen Vortrag über Social Media – klopft es zaghaft an meine Haustür. Es ist jetzt 16.30 Uhr.
Innerlich rolle ich mit den Augen.
Kann denn eine Koryphäe trotz neuem Arbeitszimmer einfach nicht ungestört arbeiten?
Zwischendurch hatte schon irgendwas die Hauswand angebohrt. Wahrscheinlich der Nachbar, der Regale aufhängen will.
Ich lasse mich nicht aufhalten.
Lässt sich die Sonne von Wolken aufhalten?
Denkt mal drüber nach.
Ich trage weiter vor. Auf einmal klopft ein mir bis dato unbekannter Mann an die Terassentür meines Arbeitszimmers. Ich kann es nicht fassen.
Jetzt sind die Kinder nicht da, jetzt schickt mir das Universum andere Nervtöter, um meine Resilienz und Strahlungskraft final zu testen.
Da er mich gesehen hat und ich ihn muss ich jetzt öffnen.
„Es ist wegen des Stromzählers. Heute ist der letzte Tag zum Einbau, sonst wird der Auftrag annulliert.“
Himmel, A*sch und Zwirn
Während ich zweisprachig mit der halben Welt über Raketenwissenschaft und Social Media konferiere, blicke ich auf den schüchternen Mann, der einfach nur seinen Job ordnungsgemäß und auf dieser Erde machen will.
Er steht vor einem Kleinbus, auf dem ein Satellit comicähnlich Strahlen ins Weltall schickt.
„Okay“, gebe ich mich geschlagen. „In fünf Minuten.“
Ich beende in Windeseile meinen Vortrag und lass den Mann ein.
Da der Strom abgestellt wird, ist auch meine Internetverbindung dahin und sämtliche Kommunikation mit dem All und auch allen anderen ist jetzt beendet.
Meine Sonne geht dann für heute leider unter. Und morgen dann halt wieder auf. Und das wird dann auch ordentlich abgerechnet.





