Watt? - Vom Auto-Laden, Lügen und Lippenstiften

Anne Hütter
9. Juni 2026

Eine Frau will ihr Auto laden und vergisst die Parkscheibe rauszulegen. Am Ende ist das Auto nicht geladen und sie muss 20 Euro zahlen. Jede Stadt in Deutschland regelt das mit den Ladesäulen anders. Hurra.

Leute, kauft euch ein E-Auto. Los, macht mal!

Das ist ziemlich grandios. Ihr bekommt aktuell sogar eine Prämie von der Bundesregierung. Ihr braucht die auch.

Zunächst einmal spart ihr natürlich Kraftstoff. Es soll Leute geben, die haben Häuser, die ihre Autos tanken. Hashtag SOLAR – powered by the Sun, ihr wisst schon. *wink

Auto laden und kostenlos parken

Folgendes geschah in der beschaulichen Mittelstadt Lüneburg vor nicht allzu langer Zeit. Ich brachte mein modernes Gefährt an einer Ladesäule zum Stehen. Entnahm dem Kofferraum das Wahnsinns-Ladekabel, für das ich beide Hände brauche.

Ich stelle mir dann immer vor, ich charge mein Riesenhandy. Aber das ist nur in meinem Kopf und tut nichts zur Sache.

Ich bereitete mein Auto für die Ladung vor. Ritsch, ratsch, Charging Card. Here we go!

Lüneburg, Freitagnachmittag. Mein umweltbewusstes Auto kriegt etwas zu essen und ich parke gratis.

Was mich die Kilowattstunde genau kostet, bleibt allerdings eine große Überraschung, bis ich etwa sechs Tage später die Abrechnung bekomme. Das Display der Ladesäule wird von der Sonne beschienen, so dass ich die aktuellen Tarife nicht lesen kann. In meiner Auto-App steht: „Schauen Sie aufs Display der Ladesäule.“

Joah.

Verschiedenste Kilowatt-Stunden

Gefühlt gibt es etwa 3000 verschiedene Preise pro Kilowattstunde und je nachdem, wie der Mond steht. Bei mir ist das Ganze noch etwas besonderer, weil mein Automobilhersteller einen ganz speziellen Deal ausgehandelt hat. Aber auch nicht mit jedem Ladesäulenbetreiber. Es ist famos.

Das ist die erste Unklarheit, der du einfach nicht Herr oder Frau wirst. Es sei denn, du verfährst deinen Akku ungezähmt bis zu einer passenden Ladesäule irgendwo in einem Industriegebiet, fernab der Zivilisation, aber sicher noch in der Lüneburger Heide.

Alles nicht so wild, denke ich. Kostenloser Parkplatz in der Lüneburger Innenstadt. Das Geld habe ich schnell wieder drin.

Denkste.

Nach etwa zwei Stunden und einem nicht geladenen Auto(„Technischer Defekt an der Ladesäule. Es tut uns leid.“) wackelt im zarten Wind ein weißes Knöllchen.

Ich steige frustriert in mein Auto und ziehe mir die Lippen nach.

Der weiße Zettel vermeldet etwas hämisch, dass ich keine Parkuhr ausgelegt hätte.

Ach so.

Die Hamburger machen das auch immer falsch

Überraschend tritt der Ordnungsamtsmann an mein Autofenster. Ich lasse genervt, aber mit frischen roten Lippen, die Scheibe herunter. Vollelektrisch, versteht sich.

„Ich hab schon einen Strafzettel. Ich muss nur noch kurzmeinen Lippenstift einziehen lassen, dann bin ich weg.“

„Ja, ich wollte nur mit Ihnen reden.“

„Aha. Warum? Ich hab den Strafzettel, Sie haben recht. Worum geht es jetzt noch?“

„Sind Sie aus Hamburg?“ Er blickt auf mein Kennzeichen.

„Nein, hä?“

„Die Leute aus Hamburg legen auch immer keine Parkuhr rein an den Tanksäulen und wundern sich dann über den Strafzettel. Hamburg regelt das anders. Da müssen die Halterinnen und Halter keine Parkuhr auslegen, wenn sie an einer Ladestation stehen.“

„Was?“

Wow.

Rücklagen für den Emotional-Support-Lippenstift

Herzlich willkommen in der Auto- und Industrienation Deutschland, wo schon jede Stadt munter ihre eigenen Regeln macht, wenn es um E-Autos geht. Ist ja auch erst eine ganz neue Technologie. Gerade mal rund 100Jahre alt.

Macht ruhig so weiter.

Wenn ich meine Prämie eingestrichen habe, lege ich mir wegen rechtlicher Irritationen und Kleinstaaterei lieber etwas davon zurück. Für dennächsten Strafzettel. Oder für einen weiteren Lippenstift.

Man muss schließlich Prioritäten setzen.