Wut ist ein nährendes Feuer

Ich qualme vielleicht nicht mehr vor Wut aus den Ohren, aber es grummelt in meinem Bauch. Und dann nehme ich das und baue mir damit was Schönes. Das bringt mich meinen Träumen näher. Bild: Gemini
Eines Tages saß ich in der dunklen Küche unseres Hauses und starrte in die rabenschwarze Winternacht. Ich dachte mir: du musst dich jetzt entscheiden. Du lebst dieses Leben weiter, das sich anfühlt, als würde man durch Beton schwimmen oder du wählst neu.
Ich wählte zum Glück neu. Aber ich hatte keine Ahnung, was ich tat.
Explodierender Beton
Mein Weg raus aus dem Beton war eine explosive Verbindung zu einem anderen Menschen. Sie war gekommen, um das Feuer in mir neu zu entfachen.
Feuer ist im Prinzip großartig. Es wärmt, es spendet neue Energie, es kocht zuhause dein Essen und backt dein Brot. Die Erde auf der wir leben, rotiert um einen gigantischen Feuerball. Powered by the sun.
Mit Feuerenergie können wir Lebensenergie verbinden. Es ist die Energie, die kreiert. Im krassesten Fall kreiert sie sogar Menschen. Irre was?
Feuer will sich aber auch ernähren. Und es kann dich von innen auffressen, wenn du es nicht in den Griff bekommst.
Als diesem Feuersturm in meinem Leben mit rationalen Entscheidungen nicht mehr beizukommen war, zog ich eine Mentorin zu Rate.
Ihre Aufgabe für mich klang super einfach: „Kenne deinen Wert!“
Puh, hä?
Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte.
Natürlich hätte ich damals gesagt, dass jeder Mensch wertvoll ist. Aber mein Leben erzählte eine andere Geschichte.
Wovon ernährt sich dein Feuer?
Ich war abhängig von der Zuneigung verschiedener Menschen, Anerkennung durch Arbeitgeber:innen, Vorgesetzte, abhängig von der Zahl auf meinem Konto, abhängig davon, wie sehr ich bewundert und geschätzt wurde im Freundeskreis.
Abhängig davon, ob ein Beziehungspartner nun endlich meinen Wert erkennen würde, wenn ich doch nur genug geputzt, gekocht und Sport gemacht hätte, wenn ich endlich ein schöner Mensch wäre.
Zum Schluss wurde ich abhängig von Likes und Kommentaren auf Social Media.
Das alles hatte mich sehr müde gemacht und ich lebte kein Leben mehr, das sich bunt, wild und erfüllend anfühlte.
Was passiert dann?
Als mich abwandte vom Außen und die Energie wieder zu mir lenkte, überkam mich eine Idee: kann ich trotzdem und mit Ende 30 noch all das bekommen, was ich mir immer gewünscht habe?
Ich wollte das ausprobieren. Mal sehen, was passiert.
Ich hatte keine andere Wahl als mich dafür meinen Gefühlen zu stellen. Das überwältigenste von allen war und ist die Wut. Die war schon immer da.
Die hatte ich schon als Teenager.
Ich war so scheiß wütend.
Ui, wenn ich darüber schreibe, rumort es schon in meinem Bauch. Damals wütend auf alles, was mich eingrenzen wollte, was mir meine Freiheit raubte.
Heute wütend darauf, wie eine „gute“ Frau zu sein hat. Beides ist nicht allzu weit voneinander entfernt.
Ich. Will. Frei. Sein!
Die Wut wurde wieder mein Antrieb
Sie zerstörte einiges. Vor allem die Idee davon, dass ich als Frau ständig leisten und opferbereit sein müsste. Ich möchte gar nicht davon anfangen, wen wir Frauen mit dem Verhalten ermächtigt haben und wie es sich auf dieser Erde schon länger zeigt.
Ich hörte einfach auf damit. Ich hörte auf damit, produktiv zu sein.
Ich musste nicht mehr jedes Wochenende unterwegs sein. Ich lernte meine Badewanne und mein Sofa schätzen. Die stillen Morgende. Die Sonnenaufgänge in meinem Garten. Ich nannte mir selbst morgens und abends zehn Dinge für die ich dankbar war.
Ich schrieb Tagebuch – also Texte ohne Applaus.
Ich ging spazieren. Betete. Traf manche Menschen seltener und andere dafür zum ersten Mal.
Ich fuhr allein ans Meer.
Ich machte Urlaub mit mir selbst.
Nicht relevant
Früher hätte ich das vielleicht traurig gefunden. Heute empfinde ich es als normal. Es ist mir einfach total egal geworden, was Fremde denken, wenn sie mich sehen. Es ist nicht relevant.
Ich begann ein Ehrenamt und wurde wieder Teil einer Gemeinschaft. Dort entstanden Verbindungen, die nicht auf Gegenseitigkeitsrechnungen beruhten.
Aus Spaß hängte ich eine Pinnwand über mein Bett und steckte dort all die Dinge an, die ich mir insgeheim wünschte. Die großen. Die verrückten. Die, über die man vielleicht besser nicht spricht.
Da hängt auch der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen will. Ich freue mich auf ihn.
Was soll schon passieren?
Mein Leben dreht sich heute nicht mehr ausschließlich um Anpassung, Zustimmung und Erwartungen anderer Menschen. Na gut, ich frag schon immer die künstliche Intelligenz, wie sie meine Texte so findet, aber hey, bin ja immer noch ich.
Ich habe mich wieder gewählt.
Und ich kehrte zu einem Satz zurück, den mir meine Mutter einmal auf einen Kugelschreiber gravieren ließ:
„Nichts ist unmöglich. Anne.“
Ich meine, wer sagt denn, dass ich perfekt bin?
Manche würden mir hier und da vermutlich soliden Größenwahn unterstellen.
Who cares?
Ich verantworte mein Leben selbst.
Und natürlich verschwinden alter Schmerz und alte Muster nicht einfach.
Manchmal freue ich mich immer noch über Anerkennung. Manchmal wünsche ich mir immer noch eine Nachricht, die nicht kommt.
Der Unterschied ist nur:
Es zerlegt mir nicht mehr den Tag
Ich zerfließe nicht mehr vor Liebeskummer und Ablehnung auf dem Wohnzimmerteppich.
Wenn ich Fehler mache, bin ich trotzdem ein guter Mensch.
Wenn ich übergewichtig, zahlungsunfähig, ungekämmt und fern der Heide bin, wenn Menschen mich bewerten oder kritisieren, dann bin ich immer noch wertvoll.
Ich bin einfach.





