Die Freie Radikale

Die Mauer ist nicht umsonst kurz nach meiner Geburt eingestürzt. Ich folge meinen Träumen. Alles andere macht mich krank. Foto: Anne Hütter
Was passiert, wenn man alles verliert, was man zu lieben glaubte? Familie, Haus, Statussymbole - futsch. Doch in den Trümmern eines „perfekten“ Lebens wartete das mutige Kind von früher, das endlich fliegen wollte. Warum Unsicherheit die höchste Form von Freiheit ist und warum dein Körper dir sagt, wenn deine Seele ein falsches Leben führt.
Frei sein
Ich wollte frei sein. Frei von den Erwartungen anderer, in freien Räumen leben – ohne andere. Mich frei ausdrücken können, laut sein, singen und machen, was ich will.
Dieser Wunsch war schon immer da. Ich hatte eine Kindheit, die war buchstäblich eingesperrt. Am westlichen Ende meiner Heimatstadt begann das Sperrgebiet. Die Menschen hatten, als ich geboren wurde, einmal eine Grenze durch die ganze Welt gezogen – und ich lebte an ihrem Rand.
Meine Familie hatte sich in Schrebergarten-Romantik damit abgefunden und machte ihre Witze darüber. Keiner würde auf die Idee kommen von Amerika zu träumen, von unbekannten Ländern oder gar davon so berühmt zu sein wie Whitney Houston.
Ich bin da und ich will tanzen!
Ich schon. Ich hörte die Schallplatten rauf und runter, die mein Vater vom Schwarzmarkt in Berlin mitgebracht hatte. Ich liebe Whitney bis heute. Sie ließ diese göttliche Gabe, die sie besaß, so leicht aussehen. „I wanna dance with somebody“ ist meine Botschaft der Götter. Bäm! Ich bin da, ich will tanzen!
Sie war der Inbegriff von Spaß. Sie zeigte, was es bedeutete seine Bestimmung zu leben. Sie war meine beste Freundin.
Freiheit schmeckt nach Spearmint
Als ich fünf Jahre alt war, sah ich einmal eine Werbung für den Wrigley’s Spearmint Kaugummi im Westfernsehen und wollte genau das: Radfahren, in den Bergen wandern, mit anderen Lachen und mit dem Heißluftballon über alles hinwegfliegen. Von meinem Urgroßvater wünschte ich mir aus dem Westen diesen Kaugummi – frei sein, wegfliegen. Das alles versprach Wrigley’s Spearmint.
Am Tag als die Mauer fiel, durchzog ein Band voller Trabis meine Heimatstadt. Die westliche Begrenzung war über Nacht verschwunden. Wir waren frei und ich nutzte das.
Das Risiko der Selbstverantwortung
Als ich endlich Abitur hatte, brach ich auf und lernte das Fürchten. Aber ich traf dabei unglaubliche Menschen, meine Herzensverbindungen, Menschen, die wie ich, ausgebrochen waren und die Ersten in ihrer Familie waren, die im Ausland studierten oder einfach ihr Ding machten – ohne Begrenzungen oder politische und gesellschaftliche Kontrolle. Die das Risiko der Selbstverantwortung sehr gern annahmen, denn für jede Mühe wurde man mit Großartigkeiten und Wundern belohnt.
Ich badete in Abenteuern, Kreativität und neuen Herausforderungen. Bis heute bin ich schätzungsweise 20-mal umgezogen.
Der Kraken
Ich scheue die Veränderung nicht. Freiheit bedeutet Wachstum – aber, was Freiheit auch bedeutet: Unsicherheit auszuhalten. Die Angst zu fühlen, das Monster in der Tiefe, sie anzunehmen, liebevoll zu betrachten und dann weiterzumachen. Diese Angst ist meistens nicht deine, sondern das, was Generationen von dir unterdrückt haben oder was sie bis heute in ihren Gefängnissen hält.
Es gibt Menschen, die sind zufrieden in ihrer Komfortzone: ein Haus, ein Garten, ein Auto. Angekommen. Planbar.
Ich habe versucht dieses Leben mit Gartenzaun zu leben. Doch meine Farbe verblasste, ich verstummte und wurde schwer und traurig und so wahnsinnig erschöpft.
Abwehr gegen sich selbst
Wenn du so erschöpft bist und deine Autoimmun-Krankheiten durch die Decke gehen, kannst du davon ausgehen, dass du ein Leben führst, das deine Seele nicht führen will. Auch wenn alle um dich herum dasselbe Leben leben.
Ich habe das beendet. Das Universum gab mir die Chance für einen Reset – und ich verlor alles, von dem ich dachte, dass es mir das Liebste auf der Erde ist: die Familie, das Haus, den BMW (ein Kindheitstraum. Ich kann bis heute nicht sagen, warum es mir diese Marke angetan hat. Ich nehme an, weil sie einen Propeller im Logo hat und ich schon immer fliegen wollte.).
Ich nahm das in Kauf, denn es war nicht das Leben, das ich führen wollte. Dieses Leben war nicht frei.
Auf der anderen Seite der Angst
Dein neues Leben kostet dich dein altes – und dabei werden Alpträume wahr.
Aber was passiert auf der anderen Seite der Angst?
Dann kommt das Kind zurück, das mit dir über alles hinwegfliegen, die Welt entdecken, einen BMW fahren und eine eigene Firma gründen will. Ein Kind, das mutig ist und kreativ und andere Menschen mit seinem Lachen anstecken will.
Freiheit heißt: Unsicherheit aushalten
Wahre Freiheit bedeutet die größtmögliche Unsicherheit auszuhalten. Und sich vor allem selbst zu vertrauen. Verlust auszuhalten, Verletzungen und Verleumdungen auszuhalten. Doch alles, was geht, wird durch etwas Besseres ersetzt.
Du brichst in unbekanntes Land auf.
Ich vergleiche es mit den europäischen Seefahrern, die unbedingt wissen wollten, ob die Erde eine Scheibe ist oder ob neues Land auf der anderen Seite wartet. Ihre Neugier und ihr Entdeckergeist waren so groß, dass sie es in Kauf nahmen zu sterben.
Zufrieden einschlafen & den Morgen freudig beginnen
Was mein Leben betrifft, stirbt laufend eine alte Version von mir. Aber die unbekannten Länder, die wir dabei entdecken, kommen der 90-er-Jahre-Werbung schon sehr nahe. Die Suche nach dem Zuhause, dem gelobten Land, ist die Suche nach dir und deiner Seelenwahrheit.
Du bist gut so wie du bist. Du wirst geliebt und du hast nur eine Aufgabe: dich selbst glücklich zu machen.
Ich bin nicht mehr müde, nicht mehr neidisch, mein Körper ist so gesund wie nie und ich habe unbändige Kraft. Ich gehe abends glücklich ins Bett, dankbar und mit meinen Zielen fest vor Augen. Ich bin frei.




