Wer verkauft dein Auto?

Ja, das Auto hat Schrammen. Na und? Das allein ist meine Schuld. Foto: Anne Hütter
Guck mal, wer da spricht
Gestern habe ich eine neue Version von mir veröffentlicht.
Ihre ersten Worte waren: „Omar, ich glaube nicht, dass ich dir mein Auto verkaufen möchte.“
Bis dahin war noch die alte Version am Werk. Die ließ sich vertrösten. Ein bekannter Mechaniker versprach, sein Chef wolle mein Auto auf jeden Fall haben. Ich müsse nur sagen, wann ich vorbeikomme. Er, Stefan, würde das regeln.
Stefan regelte wenig – außer fünfmal nachzufragen, wann ich denn nun könnte.
Der neuen Version von mir wurde das irgendwann zu bunt. Gegen neun Uhr morgens stand ich in roter Lederjacke, rotem Lippenstift und hohen Schuhen in der Werkstatt. Nur Stefan war da. Nervös zog er an seiner Zigarette und versprach, dem Chef Bescheid zu sagen.
Zwei Versionen streiten – muss man aushalten
Zwei Stunden später überlegte die alte Version von mir kurz, ob ich, entgegen Stefans Anweisung, noch einmal hinfahren sollte, um die Sache endlich zu klären.
Die neue Version gewann.
Ich fuhr vor. Der Chef war da.
Ich wartete geduldig, munterte die Sekretärin auf, die gerade ihr Traumauto verschrotten musste, und sagte ihr, dass es nie zu spät sei für die eigenen Träume.
Dann hatte er Zeit für mich. Der Chef. Ich kannte seinen Namen gar nicht. Stefan sprach immer nur vom „Chef“.
Knabenhaftes Erscheinungsbild, falsches Lächeln. Ich war ein wenig entzückt von der Show, die sich mir nun bieten würde.
Selbstsicher nahm er mir den Autoschlüssel ab, weil ich als blonde Frau offenbar nicht in der Lage war, das Auto von der Auffahrt zu fahren, die für ihn sehr wichtig war. Diese fünf Minuten.
Sei’s drum.
Das wird zu teuer für dich
Danach ging er um das Auto rum, begutachtete alles, stöhnte hier und da auf. Nun ja. Eine weitere Lektion folgte beim Betrachten der Autopapiere, eigentlich waren es insgesamt mindestens zehn freundlich gemeinte Unterweisungen in Sachen Auto. Ich gab das Zählen auf.
So subtil fand er halt zahlreiche Gründe, warum das alles schwierig sei.
Wir kamen zum Preis.
Ich nannte meinen.
Dann begann das übliche Spiel.
Er habe vor zwei Jahren dasselbe Auto gekauft. Und überhaupt. Und die Lackschäden.
„Frauenauto halt“, sagte er achselzuckend und mit diesem jungenhaften Lächeln direkt in mein Gesicht. „Ist mir zu teuer.“
In diesem Moment konnte er mich mal.
Mein Auto hat einen Wert – und für dich, Chef, ist dieser definitiv zu teuer.
Und ich auch.
Ja, das war ich!
Dass dieser Gebrauchsgegenstand Lackschäden hat, ist ja wohl klar. Das haben auch Männerautos. Dieses Auto hat speziell Lackschäden, weil es mein Auto ist. Und ich hab mich mit Sicherheit nicht scheiden lassen, damit mir der nächste Mann jetzt deswegen den Wert abspricht.
Dass der Lack ab ist, quasi, ist Teil von mir. Ich bin schnell, da kann das schon mal passieren. Meine Fehler gehören zu mir. Das allein ist meine Schuld und nicht die von Frauen per Se.
Seine Aussage hatte in diesem Moment mehr über ihn mitgeteilt, als ihm klar war. Er nimmt Frauen nicht ernst.
Mit solchen Männern mache ich keine Geschäfte mehr.
Ich übergebe meine Werte niemandem, der mich nicht respektiert. Das war eine lange Lernkurve.
Egal, wie viel Macht jemand zu haben glaubt.
Egal, wie dringend du Geld, einen Job oder eine Wohnung brauchst.
In solchen Beziehungen ziehst du immer den Kürzeren. Meine alte Version hätte gelächelt und genickt und den Preis für das Auto bis zum Erbrechen runterhandeln lassen.
Die neue Version entscheidet jetzt – und sie hat die Regeln klar.
Raus aus der Küche
Sie nimmt zwar das innere kleine Mädchen wahr, das geliebt werden will, aber dieses Mädchen trifft nicht mehr die Entscheidungen.
Dieses kleine Mädchen hat mich schon in Teufelsküche gebracht. Jetzt regelt die Frau mit Lippenstift und Lederjacke, die energetisch ganze Institutionen in Brand setzen kann, wenn sie will.
Wenn du deine Grenzen klar hältst, wenn du verstehst, wer du bist, und dich schätzt, wählst du auch die Verbindungen weise aus, die du eingehst.
Egal, wie dringend du dein altes Auto und dein altes Leben loswerden willst.
Epilog:
Am Abend meldete sich Stefan per Sprachnachricht.
Er werde morgen früh definitiv mit seinem Chef sprechen, damit wir uns treffen können. Der will das Auto auf jeden Fall haben.




