Schachmatt (Der Prinz vom Jordan II)

Anne Hütter
8. 7. 2026

Was du wässerst, wächst. Wähle weise. Bild: ChatGPT

„Ich denk an dich.“

So wilde Nachrichten vom Prinzen vom Jordan.

Jeden Tag schickte er mir diese Depeschen der Leidenschaft. Natürlich war er fasziniert von mir. Zu Recht.

Ich stand an der Schwelle zu einem Upgrade in meinem Leben. Ich hatte gerade mein neues Haus gefunden, den Gründerzuschuss bewilligt bekommen und stand kurz davor, mein Traumauto zu kaufen.

Ich war im Begriff endlich durchzustarten.

Und natürlich hatte das Universum oder wer auch immer diesen35-jährigen Durchstarter mit Charme neben mich gesetzt.

Er war meine Meister:innenprüfung.

Zieht sie jetzt durch oder lässt sie sich schon wieder von einem Mann vom Weg abbringen?

Schon paar Dienstage hier

Was er in mir sah: gutaussehend, witzig, wohlhabend, ambitioniert, liebevolle Frau und Mutter. Allein.

Was er nicht sah: die vielen Beziehungen, die ich erlebt hatte, die in Verrat und Herzbruch endeten.

Beziehungen, die niemals ausgeglichen waren und mitnichten meinen Wert widerspiegelten.

Ich war 42 & schon ein paar Dienstage auf dieser Welt.

Ich hatte die letzten 5 Jahre damit verbracht, meine Beziehungen auseinanderzunehmen: Partnerschaften, Freundschaften, Familie.

Ich kannte inzwischen jedes meiner Muster.

Das Einfallstor

Mein Einfallstor: Einsamkeit. Die Neigung, in Menschen ihr Potenzial statt ihrer Realität zu sehen.

Wie oft hatte ich den Versprechen Anderer geglaubt, die nie gehalten wurden?

Unser Prinz vom Jordan schien sie auch zu kennen. Wären sie wahr geworden, wäre ich aktuell in New York bei der Fußball-WM und würde den Abend in Jazzclubs verbringen.

Stattdessen sitze ich in meinem neuen Haus, arbeite an Kund:innenaufträgen und blicke auf mein weinrotes Sportauto.

Oh, Fuck you!

Wäre das jetzt auch so, wenn ich der Illusion gefolgt wäre?

Wohl kaum.

Solche Männer kosten wertvolle Energie und messerscharfen Fokus.

All das brauchte ich, um mir ein neues Leben aufzubauen. Eins, in dem ICH  bilde und sonst niemand.

Während du im Minuten-Takt auf dein Handy starrst und dich in seiner Hinhalte-Taktik völlig verlierst, wackelt dein inneres Fundament und du baust nichts mehr für dich.

Die letzten 20 Jahre ging das bei mir so. Bis alles krachend zusammenstürzte und ich neu baute.

Bei ihm loggte ich mich innerhalb von 5 Tagen wieder aus. Immerhin. Meisterschaft mit fliegenden Fahnen, sag ich ja.

Die innere Guideline in Sachen Männer

Damit ich meine Energie nicht mehr an Idioten verliere, stellte ich für mich folgende Regeln auf: 

Regel Nr. 1: Ich glaube keinen schönen Worten mehr. Es ist die Tat, die zählt.

Regel Nr. 2: Ich beobachte. Wer zu mir passt, schafft Klarheit statt Verwirrung. Alles andere darf weiterziehen.

Regel Nr. 3: Ich muss meinen Wert nicht beweisen, nicht wie toll ich als Frau bin, nicht wie toll ich als Managerin bin, nicht wie toll ich als Hausfrau und Mutter bin. Er darf sich beweisen.

Regel Nr. 4: Ich ziehe an. Ich jage nicht.

Lost in France? Oh no.

Nun gut, kurzum. Nach Weihnachten folgten noch zwei Anrufe von ihm. Die waren witzig, unterhaltsam. Ich spürte, wie angetan er von mir war. Beim zweiten Anruf lud er mich nach Frankreich ein. Er hätte da eine Dienstreise und ich könnte in seiner Wohnung übernachten.

Is richtig – weit weg von seinem deutschen Wohnort könnte er eine kleine Heimlichkeit schnabulieren. Ich sagte ab.

Die Nachrichten wurden weniger als er merkte, dass der Fisch, sich nicht in gewohnter Leichtigkeit aus dem Meer der Frauen ziehen ließ.

Am Silvester-Abend erreichte mich gegen Mitternacht noch eine Whatsapp mit dem Inhalt „Frohes Neues Jahr“. Es wirkte wie eilig von der Toilette geschrieben. Heimlich.

Nummer gelöscht, Tränen weggewischt, Krone gerichtet

Ich killte kurz nach Mitternacht seine Nummer, wischte die Tränen weg. In dieses vielversprechende Jahr würde kein Loser mitkommen.

Aus der Traum vom Weihnachtsgeschenk über den Wolken

Natürlich tat das weh. Da machen wir uns mal nichts vor.

Am schlimmsten an diesen Erfahrungen sind die zarten Pflanzen der Hoffnung, die ich immer wieder ziehe und die ich dann entfernen muss, weil sie doch nur wieder Unkraut waren.

Das muss man früh machen, sonst ruinieren sie den ganzen Garten.

Ich hörte schließlich nichts mehr von ihm. Gar nichts mehr.

Bis…..zu einem Abend im März. Aus dem Nichts ein Whatsapp-Call. Ich dachte, ich halluziniere.

Eine ungespeicherte Nummer, aber das Profilbild kam mir bekannt vor. Ein Schachbrett, natürlich.

I just call to say…

Erst ignorierte ich es. War aber sehr aufgeregt und rief meine Freundin Nina an.

Neugierig waren wir schon, aber sowohl Nina als auch ich witterten nichts Gutes.

Lasset die Spiele neu beginnen

Ich schrieb: „Hey Amir*, das ist ja eine Überraschung. Was ist los?“

Ich weiß gar nicht, was er antwortete, aber wir telefonierten am Folgetag. Er wäre jetzt auf dem Sprung aus Deutschland. E würde in Frankreich neu durchstarten und wäre momentan in Oldenburg im Hotel. Er hätte an mich gedacht und wie es mir so geht.

In meiner Fantasie hatte seine Freundin ihn endlich rausgeschmissen und er war ziemlich lost. Auf der Suche nach schnellem Push fürs Ego rief er nun potenzielle Aufpoliererinnen an und schaute, wo er noch einen Stich machen konnte.

Ich war am Zug

Ich: „Oh cool, das ist ja nicht so weit weg. Lass uns gern treffen.“

Er: „Ja klar. Das wäre toll.“

Ich: „Ich habe nur noch morgen Zeit. Wie sieht es da bei dir aus?“

Er: „Äh, tja, gut. Also, ich bin hier aber im Hotel und so.“

Ich: „Macht doch gar nichts. Können wir doch nett zu Abendessen.“

Er: „Echt, na, wenn du möchtest. Warum nicht?“

Wir machten das aus.

Etwa vier Stunden später erreichte mich die Absage. Es würde für ihn nicht passen. Das wäre ihm zu stressig. Ich soll es nicht persönlich nehmen. Das hätte gar nichts mit mir zu tun.

Back to Business

Ich lachte herzlich, löschte seine Nummer und wandte mich in dem Moment wieder meinem Workshop zu Frauen und Finanzen zu. Fortan hörte ich nie wieder von ihm.

Kein Höllenritt, kein Herzbruch, keine Brieffreundschaft.

Nichts bricht mein Herz so wie Unehrlichkeit und Verrat. Inzwischen erkenne ich die Zeichen recht schnell, der Vorteil von Erfahrung. Ich kann mich da auf mich verlassen.

Er, dagegen, setzt jetzt wahrscheinlich weitere Frauen schachmatt. Dieses Turnier hatte ich gewonnen.

Mitte des Jahres bin ich in Frieden in meinem neuen Haus, mit meinem Sportwagen, meinen Kindern und meinem Business. Der, den der Teufel gesandt hatte, brachte mich nicht vom Weg ab.

Liebe ist keine Gasexplosion

Liebe ist für mich weder eine Gasexplosion in Nahost noch eine Stube, in der ich Ofen, nährendes Feuer und Funke ganz allein bin.

Ich danke dir, mein Prinz vom Jordan für das Wasser in der Heiligen Nacht. Damit gieße ich jetzt meinen Garten und ziehe mir die schönsten Blumen der Welt.