Tod oder Freiheit – nur keine Achterbahn

Anne Hütter
22. September 2026

Ich fordere mich ja gern mit Lebensentscheidungen heraus. Im Freizeitpark bin ich eine Schisserin. Bild: Claude

Scheitern an der Schiffschaukel

Es ist eigentlich lächerlich. Da habe ich in meinem Leben in den letzten fünf Jahren eine Klippen-Entscheidung nach der anderen gefällt, aber im Freizeitpark bin ich die absolute Schisserin.

Die Klippen-Entscheidung

Eine Klippen-Entscheidung ist der Sprung ins Ungewisse. Auf dem Berg stehen zu bleiben, bringt dir nichts mehr außer Depression, Angst oder Herzschmerz. Dann springst du halt und hoffst einfach, dass dich irgendetwas auffängt.

Das Universum, Gott, dein höheres Selbst, was auch immer.

Ich würde, heroisch und dramatisch wie ich halt so bin, sagen: Tod oder Freiheit.

Zurück zum beliebten Heidepark-Soltau und meiner Todesangst.

Gefühle im Bauch

Das fängt bei der Schiffsschaukel an. Dieses Riesen-Boot schwingt gewaltigst hin und her, und man hat ein Gefühl im Bauch, als würde man tatsächlich von einer Klippe springen. Wenn du dich scheiden lässt, deinen Job kündigst oder eine ungute Beziehung verlässt, fühlt sich das ähnlich an.

Du wünscht dir eigentlich, du könntest das Gefühl benennen. Halten wir einfach fest: es ist sehr unangenehm.

Du weißt nur: das geht hier so nicht weiter. Alles ist besser als diese Situation jetzt. Wenn ich bleibe, weiß ich zwar, was ist, sterbe aber innerlich. Wenn ich gehe – oder springe – ist Ungewissheit. Mögen wir nicht so. Kontrollverlust.

So geht es mir auch in der Wildwasserbahn, wenn ich den nächsten Berg hinabgestürzt werde. Nur ist Aussteigen hier lebensgefährlich.

Also schipperst du den Fluss weiter. Bei Lebensentscheidungen stieg ich halt ebenfalls in einen neuen Baumstamm. Du bleibst drin sitzen, weil es am Ufer brennt und zischt. Und dann schaust du, wohin dich dersprichwörtliche Fluss des Lebens trägt.

Vertrauen in der Wildwasserbahn

Im Freizeitpark wie im Leben brauchst du jetzt genau eins: Vertrauen. Wenn du vertraust, bleibst du in nebligen Situationen halbwegs gut gelaunt. Funktioniert für die meisten Menschen eher schlecht.

Zu viel Kopf, zuviel „Ich krieg das schon hin“, was dazu führt, dass sie selber rudern wollen.

So ein Mensch bin ich nur noch ein ganz kleines bisschen, weil es immer gut für mich wurde, wenn ich nicht noch härter gegen die Dinge angekämpft habe.

Learning: Was auch immer passiert, ich kann mir vertrauen.

Im Heidepark dagegen soll ich einer Maschine vertrauen, dass ich das überlebe. Das fällt mir wirklich noch schwer. Ich habe ja auch Flugangst, wisst ihr ja.

Ich hasse es nun mal, die Kontrolle zu verlieren

Durch die Angst

Denke ich immer über mich. Im Grunde ist das, in Anbetracht meiner Lebensentscheidungen bis hierher, totaler Quatsch. Ich habe meine Ehe verlassen ohne wirtschaftliche Sicherheit.

Ich habe meinen Job gekündigt ohne wirtschaftliche Sicherheit.

Ichhabe ein Haus mit hoher Miete angemietet, direkt nachdem ich einen lukrativenAuftrag verloren hatte.

All diese Dinge habe ich gemacht und mein Leben wurde besser und nicht schlechter.

Du weißt es eben erst, wenn du gesprungen bist. Ist so.

Aber Achterbahnfahren treibt mir den kalten Schweiß auf die Stirn. Sich Risiken zum Spaß auszusetzen ist offenbar nicht so mein Lebensmodell. Ich sage Ja zu Risiko, das etwas bedeutet, und Nein zu Risiko,das nur Nervenkitzel ist. Ich glaube aber, dass Körper, Geist und Seele beide Erfahrungen brauchen.

Klappe, Stimme der Vernunft!

Durch diese Entscheidungen und das Weitergehen habe ich gelernt, dass ich mir vertrauen kann. Dass ich immer einen Weg finde und dass mir geholfen wird.

Vertrauen in der Größe eines Senfkorns, haben schlaue Menschen malaufgeschrieben.

Ich werde weiter regelmäßig in den Heidepark gehen. Ich weiß ganz genau, dass ich mich eines Tages in diese krassen Dinger wie „Colossos“und „Kraken“ setzen muss.

Damit diese überlaute Stimme der Vernunft und Warnung, die mir immer auch den Spaß solide versauen will, endlich die Klappe hält.

 

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