Der Ritt auf dem Glücksdrachen

Anne Hütter
16 September 2026

Ich hab das nie aufgegeben: 35 Jahre nachdem ich den Film "Die Unendliche Geschichte" zum ersten Mal sah, saß ich endlich auf Fuchur. Bild: Privat

Der Ritt auf dem Glücksdrachen

Eine Anleitung von Michael Ende

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Als ich Die Unendliche Geschichte das erste Mal im Fernsehen sah, war das für mich als Kind eine unfassbare Erleuchtung. Wie großartig ist es bitte, dass Michael Ende gelungen war, die unendliche Fantasie, die ich und alle anderen Kinder auf dieser Welt haben, in eine Erzählung zu packen?

Der unendliche, unbegrenzte Drang

Eine Erzählung voll mit Schönheit, interessanten, bunten Charakteren und mit dem, was diese Welt ausmacht: mit Licht und Schatten.

Eine Geschichte von Liebe, Freiheit, von Überwindung und Mut, von Freundschaft und Loyalität, von Wundern und dem unendlichen Drang, die Grenzen zu sprengen.

In der Geschichte gerät Fantasia in Gefahr. Das Nichts breitet sich aus und verschlingt diese Welt. Atreju macht sich auf den Weg, um Fantasia und die Kindliche Kaiserin zu retten.

Und Bastian Balthasar Bux sitztzunächst nur da und liest die Geschichte, bis er selbst Teil davon wird.

Das Nichts

Das Nichts fand ich übel, es zerstörte Fantasia. Keiner wusste, warum.

Ich weiß es heute leider. Es ist recht real. Das Nichts ist das, was passiert, wenn wir aufhören zu träumen, zu fantasieren und zu kreieren.

Wenn wir ein Leben führen, das uns nichts mehr kreiert außer Routinen und uns so in Begrenzungen hält.

Denn was machen wir als Erwachsene?

Wir arbeiten. Wir funktionieren. Wir konsumieren. Wir schauen Fernsehen, scrollen durch unsere Feeds, lassen uns berieseln. Wir füllen jeden freien Moment mit irgendetwas, damit uns bloß nichts Eigenes einfallen muss. Stagnation. Keine Vibration, kein Wachstum mehr. Keine Ausdehnung.

Ui, gar keinen Bock. Auch mit 43 nicht. Ich war da schon, im Nichts. Es war richtig blöd, es war eine kalte dunkle Winternacht.

Eine unendliche Schöpfung, das bist du

Ich bin davon überzeugt, dass wir als Menschen mit einemunbegrenzten Bewusstsein ausgestattet sind. Ich stelle es mir wie den Weltraumselbst vor, der sich immer weiter ausdehnt. Wenn ich so lebe, kann ich immerwieder neue Möglichkeiten entdecken. Ich verstehe es als mein Fantasia, meineUrsuppe, aus der ich schöpfe, aus der ich kreiere.

Alles, was ich mir in meinem grenzenlosen Bewusstseinvorstellen kann, kann ich, in welcher Form auch immer, auf diese Welt bringen.

Wie abgefahren ist das? Das mache ich jetzt wieder.  

Deine Träume sind dein Kompass

Wovon hast du als Kind geträumt? Wer wolltest du sein? Was davon verfolgst du noch? Wo hast du dir Geschichten erzählen lassen, dass das für dich nicht möglich ist?

Bist du Benjamin Balthasar Bux, der nur das Buch liest, oder bist du Atreju, der sich mutig den Abenteuern stellt und so die Geschichte schreibt?

Rettest du dein Fantasia und die Kindliche Kaiserin?

Wie sehr reitest du noch über deine Prärie, die Arme ausgestreckt, der Sonne entgegen oder hat dich der Gmork fest im Griff?

Ich nenne ihn den Grimm. In der großen Komposition der Unendlichen Geschichte ist er ein vergleichbar kleiner schwarzer Hund, der diffus im Hintergrund bleibt, hechelt, hetzt und knurrt bis Atreju, unser mutiger Held, ihm entgegenspringt.

Angriff auf den Grimm

Der Grimm ist die alte Geschichte, die sie dir erzählt haben und die du dir weiter erzählst, Kram von Generationen vor dir: „Mach dich nicht zu groß“ oder „Niemand kann dir helfen“ sind so alte Leiern.  

Wenn der Grimm mich besuchen kommt, dann grüße ich ihn und frage, was er eigentlich von mir will. Und manchmal geht er dann schon wieder.

Seitdem ich nur noch in meinem Leben will, wovon ich gern mehr hätte, habe ich schlicht die Faxen dicke.

Dann macht mich die Angst so wütend, dass ich direkt auf den Grimm losgehe.

Weil ich meine Träume zur Welt bringen will und mich nicht von ihm aufhalten lasse.

So mache ich das. Ist nicht für jede und jeden was, aber die Grundidee bleibt. Du schreibst deine Geschichte. Sie ist erst zuende, wenn du stirbst.

Wohin geht deine Energie?

Im Leben hier auf der Erde werden uns laufend Grenzen aufgezeigt.

Wie viel Raum gibst du diesen Begrenzungen?

Wie viele Sprachnachrichten verschickst du, in denen du dich darüber beschwerst, in denen du dich über die Anderen beschwerst?

Wie sehr anerkennst du dich stattdessen für deine Erfolge?

Wie sehr anerkennst du andere Menschen für die Dinge und Erfolge, die du gern hättest?

Es gibt die Fantasie, die Vorstellungskraft und es gibt die Energie. Alles ist Energie.

Mein Tipp: Nutze deine Energie, um das auf die Welt zubringen, was du gerne hättest.

Statt immer vor dem Grimm wegzulaufen, schau ihn dir an. Manchmal musst du ihm entgegenspringen. Manchmal reicht es, ihn zu erkennen und weiterzugehen.

Mach Dinge, die dich zwingen, dein Angstfeld zu durchlaufen,wenn es sich für dich lohnt.

Ich bin davon überzeugt, dass den Mutigen ein Glücksdrachezur Seite eilt, der mit ihnen fliegt.

Eine neue Welt für unsere Kinder

Damit unsere Kinder eine neue Welt kennenlernen, eine, inder viel mehr Großartigkeit ist als heute.

Ich sage meinen Söhnen gern den Satz: „Du kannst allesschaffen, was du willst.“

Und ich lebe danach.

Das macht sie zu den Bestimmern in ihrem Leben. Das macht sie stark, mutig und hält sie in Bewegung.

In diesem Sommer habe ich mir einen Wunsch erfüllt, den ich 35 Jahre lang hatte: einmal auf Fuchur, dem Glücksdrachen reiten. Es hat endlich geklappt.

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